Warum die Minnesota Timberwolves Ricky Rubio noch eine Chance geben sollten

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn Adrian Wojnarowski, seines Zeichens der wohl am besten informierte NBA-Journalist der NBA Welt so etwas schreibt, ist es normalerweise an der Zeit, die Koffer zu packen.

 

Schon zum zweiten Mal in seiner noch immer jungen NBA-Karriere, findet sich Ricky Rubio in Trade-Gerüchten wieder. Schon während der abgelaufenen Saison 15/16 fanden zum Ablauf der Trade-Deadline Gespräche statt, die Rubio potentiell nach Milwaukee geschickt hätten.

 

Seitdem hat sich die Situation der Franchise radikal geändert. Zach LaVine ist seit seiner längst überfälligen Transition zum Shooting Guard zum Steal des 2014er Drafts herangereift und Andrew Wiggins sieht wie der perfekte, bescheidene Sidekick zum neuen Gesicht der Franchise aus. Die Rede ist natürlich vom erst 20-jährigen Karl Anthony Towns, der die wohl beste Rookie-Bigman-Saison seit Tim Duncan und Shaq hingelegt hat und dem so ziemlich jeder eine Hall of Fame-Karriere prognostiziert. Hinzu kam nach Ablauf der Saison die Zusage von Tom Thibodeau, dem besten verfügbaren Trainer auf dem Markt. Die Zeiten als mitleidig belächelte Franchise der NBA, die mit aktuell 12 Saisons in Folge ohne Playoff-Teilnahme die längste Negativserie der Liga besitzt, sind scheinbar vorbei. Kaum jemand bezweifelt, dass die Wolves einen der acht begehrten Playoff-Plätze im Westen ergattern.

 

Muss Ricky Rubio ausgerechnet jetzt gehen?

 

Als Rubio nach Ende der Regular Season bei eben jenem Wojnarowski zu Gast in dessen Podcast „The Vertical Podcast with Woj“ war, zeigte er sich auffallend emotional und gab zu, dass es ihn verletzt habe, diese Trade-Gerüchte zu hören. Gerade wenn man, wie er, über Jahre alles für seine Franchise gegeben habe. Um ihn und seine Frustration zu verstehen, hilft ein Blick in die Vergangenheit. Ricky Rubio ist ein ehrgeiziger Mensch und Sportler. Seine europäische Profikarriere, die er im Alter von 14 begann, war stets von Erfolg geprägt. In die NBA zu kommen und einen Großteil der Spiele zu verlieren, war dementsprechend ungewohnt. Und trotzdem gewannen mit Timberwolbes nur 36% ihrer Spiele in den fünf vergangenen Jahren mit Rubio. Der Point Guard sagt selber, dass er sich nicht an das Verlieren gewöhnen kann und es ihn jedes Jahr aufs Neue unheimlich frustiert. Seine Aussagen im Catalunya Ràdio, in denen er zum ersten Mal durchklingen ließ, dass er über andere Teams nachdenkt, sollten die Wolves die Playoffs erneut nicht erreichen, wurden aus dem Kontext gerissen und missverstanden. Rubio will nicht weg. Er denkt in jedem Training an die Playoffs und an den Ring, den er nach Minnesota bringen will.

 

Draft 2016

 

Der diesjährige Draft stellte für die Franchise ein richtungsweisendes Ereignis dar. Tradet man den fünften Pick oder adressiert man Team-Needs und wählt einen Spieler für den Flügel aus, der den Timberwolves das ersehnte Shooting gibt? Weder noch war am Ende die Antwort. Stattdessen entschieden die Wolves sich für den besten Point-Guard des Drafts, Kris Dunn. Ein klassischer Value-Pick. Mit Buddy Hield oder auch Jamal-Murray wären Spieler verfügbar gewesen, die wohl bester ins Konstrukt gepasst hätten, aber man hat sich, wie so oft, für die beste verfügbare Kombination aus Können und Talent entschieden.

 

Spätestens diese Entscheidung macht Rubio für den neutralen Betrachter obsolet. Dunn wird die Qualität und Zukunft eines Franchise Point Guards zugesprochen und da beide ähnliche Qualitäten, vor allem aber ähnliche Schwächen haben, ist es auf den ersten Blick kaum vorstellbar, dass beide langfristig nebeneinander existieren können.

 

Die Qualität von Ricky Rubio

 

Inzwischen sollte jeder mitbekommen haben, dass Ricky Rubio nicht Stephen Curry ist. Dieser Vergleich ist hier besonders schmerzhaft, weil Stephen Curry im 2009er Draft zwei Plätze hinter Rubio an #7 ausgewählt wurde. Es sollte jedoch zumindest kein Zweifel daran bestehen, dass Rubio der bessere Verteidiger der beiden ist, im Gegenteil: Ricky Rubio ist einer der besten Defensive Point Guards der gesamten NBA. Das spiegelt sogar das in großen Teilen komplett subjektive und veraltete „zur Not einfach Tony Allen“ oder „Blocks=Defense“ Voting der All Defensive Teams wieder, bei dem Rubio in diesem Jahr die viertmeisten Stimmen aller Point Guards bekam.

 

Rubio ist für seine Position ein elitärer Rebounder (4,3 RPG) und auch seine Assist-Zahlen (8,7 APG), die bisher immer von schlechten Shooting um ihn herum deflationiert wurden, gehören Jahr für Jahr zu den besten der NBA. Seine Passqualitäten, seine Spielübersicht, sein Gefühl fürs Spiel gepaart mit dem viertbesten Assist to Turnover-Ratio der Liga (3,4), machen ihn zu einem der besten Floor-Generals der NBA.

 

Der Jumper als Sorgenkind

 

Unberechtigterweise überschattet sein historisch schlechter Wurf scheinbar all diese Qualitäten. Es ist einfach, abfällig auf Rubios Wurfquoten zu schauen und ihn dadurch abzustempeln. Dass es durchaus Wege um diese Defizite herum gibt und man trotz schwachem Wurf ein erfolgreicher Point Guard sein kann, sollte spätestens Russell Westbrook zeigen, der mit seinen 29,4% hinter der Dreierlinie noch weit hinter Rubio liegt (32,6% 3PM). Natürlich hinkt der Vergleich an allen anderen Ecken, trotzdem hat sich auch Rubio abgesehen von seinem Jumpshot stark verbessert. Seine FG% am Rim (50,4%) ist so gut wie nie und bringt ihn inzwischen immerhin in einen akzeptablen, leicht unterdurchschnittlichen Bereich. Mit seinem True Shooting Wert (52,9% TS), der vor allem die Relevanz von Freiwürfen einberechnet, lässt Rubio Spieler wie Brandon Knight, Jordan Clarkson, John Wall, Derrick Rose, D’Angelo Russell und Dennis Schröder hinter sich. Über allem sollte aber die Frage stehen, ob Rubio sein Team besser macht. Hier ist die Antwort ein klares „ja“.

 

Rubios Impact

 

Mit Rubio auf dem Court haben die Timberwolves ein positives Net Rating von 1,1. Ein Wert, den nur 12 der 30 NBA-Teams in der Regular Season übertrumpfen konnten. Ohne ihn fällt der Wert auf dramatische -8,2, gleichbedeutend mit dem drittschlechtesten Wert der Liga, nur unterboten von historisch schlechten 76ers und den Lakers. Im Real-Plus Minus muss Rubio mit seinem 17ten Platz, mit Ausnahme von Nikola Jokic, nur eine Riege von Allstars vor sich lassen.

Der „Rubio-Effekt“ zeigt sich vor allem an der Produktion einzelner Spieler, wie ein Blick auf die Points Per Possession (PPP). Bis auf Andrew Wiggins, der einen Großteil seiner Würfe selbst kreiert, weisen alle anderen Wolves einen signifikanten Abfall an Effektivität auf, wenn Rubio nicht auf dem Court steht:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Man muss nur wenige Wolves-Spiele gesehen haben, um zu wissen, dass Rubio wie kein Zweiter „Easy Buckets“ für seine Mitspieler generiert. Kein anderer Spieler der Wolves beeinflusst den Erfolg des Teams mit seiner Präsenz bzw. Abwesenheit so sehr wie Ricky Rubio.

 

Rubio + Thibodeau = ?

 

Wie passt all das jetzt zur Philosophie von Neu-Coach Tom Thibodeau? Thibs ist ein erwiesener Defensivspezialist, der mit seinen Bulls zwei Mal das beste Defensive Rating der Liga gestellt hat. Nur in seinem letzten Jahr sind die Bulls überhaupt aus den Top-5 in dieser Wertung rausgefallen. Rubio als Defensivanker eines Thibodeau-Teams, klingt erstmal wie eine Traumkombination. Das sollte sie eigentlich auch sein, nur ist Rubio natürlich ein ganz anderer Spielertyp als ein Derrick Rose oder die Backup-Point-Guards, mit denen Thibs bei den Bulls gearbeitet hat. Im Gegensatz zu Kris Dunn?

 

Wenn nicht Rubio, wer Dunn?

 

Die Entscheidung, Dunn zu draften, bedeutet natürlich nicht zwangsläufig, dass er der PG der Zukunft sein soll. Geschweige denn, dass er jemals das Wolves-Jersey überstreifen wird (wir erinnern uns an Andrew Wiggins), aber sollte Rubio getraded werden, hieße das zumindest, dass man Dunn die Zügel übergibt – zumindest kurzfristig. Die Wolves wollen endlich gewinnen und - auch wenn man es vielleicht nicht als offizielles Ziel ausgeben wird - am besten direkt die Playoffs erreichen. In diesem Kontext ist es zumindest zweifelhaft, ob man dies mit einem Rookie Point Guard schaffen kann, der dazu anfällig für Turnover ist und erstmal selber beweisen muss, ob er ein respektabler Scorer in der NBA werden kann.

 

Ein weiteres denkbares Szenario wäre es, mit beiden in die Saison zu starten, Dunn langsam mit einer Rolle von der Bank an die NBA heranzuführen und Rubio die Chance zu geben, zu zeigen, was er in dem neuen System leisten kann. Diese Idee kann in jedem Fall Sinn machen. Rubios Markt wird nicht kleiner. Sollte man feststellen, dass es mit ihm nicht funktioniert, kann man ihn immer noch zur Trade-Deadline bewegen. Ganz ausschließen darf man ein Dunn-Rubio Duo also nicht. Rein defensiv betrachtet, würden sie ein spektakuläres Duo abgeben, das zusammen mit Wiggins und Towns in der Lage wäre, nahezu alles zu switchen. Offensiv könnte Dunn seine Slashing-Qualitäten ausspielen. Für dieses Szenario müssten Rubio und Dunn jedoch beide einen mindestens durchschnittlichen Dreier präsentieren und Wiggings müsste seine gute Entwicklung der zweiten Saisonhälfte fortführen, vermehrt 3er nehmen und diese hochprozentig treffen. All das klingt zum jetzigen Zeitpunkt zugegebenermaßen eher unrealistisch.

 

Braucht Rubio die Timberwolves?

 

Denn das ist die Krux der ganzen Thematik. Man kann mit einem Spieler wie Rubio Spiele gewinnen, man muss dazu jedoch um ihn herum bauen und sein Defizit ausgleichen. Tom Thibodeau hat als Assistent bei den Celtics aus erster Hand betrachten könnten, dass man mit einm Non-Shooter Point Guard sogar NBA-Champion werden kann. Die Wolves haben es die letzten 5 Jahre konsequent versäumt, das richtige Material um Rubio herumzubauen. Sollte das Front Office nach wie vor nicht dazu bereit sein, dann ist es vielleicht auch für Rubio besser, in ein neues System zu kommen. Den wirklichen Wert Rubios wird man wohl erst sehen, wenn er nicht mehr da ist.

 

Ein Großteil der Wolves-Fans dürfte aber hoffen, dass es soweit nicht kommt.

 

 

 

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