Jimmy Butler: Franchise Player?

 

 

Spätestens seit dem Abgang von Derrick Rose in Richtung Big Apple 'Superteam' ist klar: Die Chicago Bulls sind Jimmy Butlers Team. Nach (zu vielen?) Jahren auf dem Beifahrersitz hat der 26-Jährige das Lenkrad einer der traditionsreichsten Franchises der Liga jetzt fest in der Hand. Daran ändern auch die Zugänge der hoch dekorierten Rajon Rondo und Dwyane Wade nichts. Im Gegenteil: Keiner der beiden macht Anstalten, die neue Team-Hierarchie in Frage zu stellen:

Wade: 

 

Im Falle Rondos wäre jede andere Aussage nach den durchwachsenen letzten Jahren wohl auch schwer vermittelbar gewesen. Dass der 12-fache All-Star und 3-fache Champion Wade sich weit vor Saisonbeginn so deutlich äußert, ist aber zunächst ein gutes Zeichen. Die Bulls sind ab sofort also Jimmys Team. So weit, so gut. Aber ist Butler überhaupt schon so weit, ein klarer Franchise-Player zu sein?

 

From Zero To Hero

 

Schaut man etwas weiter in die Vergangenheit, ist allein die Tatsache, dass diese Diskussion geführt wird, ein Ausdruck seiner vorbildlichen Work Ethic und Leidensfähigkeit. Mit 13 Jahren setzte ihn seine alleinerziehende Mutter mit den Worten "I don't like the look of you" vor die Tür. Nach einigen Wochen ohne feste Bleibe nahmen ihn schließlich die Eltern eines Freundes, die bereits sieben Kinder hatten, bei sich auf und zogen ihn auf. Spätestens in dieser Zeit lernte der junge Butler, sich alles im Leben hart erarbeiten zu müssen. Nach der Highschool hätte er über die University in Kentucky schließlich den schnellen Sprung in die NBA schaffen können, entschied sich aber für die Marquette University, um dort einen möglichst guten akademischen Abschluss zu machen. Eine erstaunlich reife Entscheidung für einen jungen Heranwachsenden mit Butlers Vergangenheit. Sportlich hatte er mit durchschnittlich 12.0 Punkten, 5.5 Rebounds und 1.7 Assists in drei Jahren eine solide, aber keineswegs überragende Zeit am College. Entsprechend moderat waren seine Draft-Prognosen und er wurde im 2011er Draft schließlich an 30. Stelle von den Chicago Bulls gezogen.

 

Der harte Weg an die Spitze

 

In seinem ersten Rookie-Jahr in der NBA kam Butler kaum zum Einsatz und beendete das Jahr mit mageren 2.6 Punkten pro Spiel und einer verschwindend kleinen Rolle. Doch die harte Arbeit zahlte zahlte sich schnell aus: Durch eine Verletzung von Luol Deng rückte er 2013 erstmals ins Starting-Lineup und konnte sich in der Folge als Starter und fester Teil der Rotation etablieren. Seine Rolle war jedoch zunächst trotzdem klar begrenzt: Ein deutlich überdurchschnittlicher Flügelverteidiger mit begrenztem offensiven Repertoire im Schatten von Derrick Rose & Co. Doch dank kontinuierlicher Arbeit und vor allem dem Einfluss des damaligen Coaches Tom Thibodeau entwickelte Butler auch sein offensives Skill-Set stetig weiter und wurde so zu einem der besten Two-Way-Player der Liga:

 

 

Nacht für Nacht die besten Flügelspieler des Gegners verteidigen und trotzdem selber scoren? Zunächst noch kein Problem. Die Saison 2014/15 war in dieser Hinsicht der endgültige Durchbruch. 20.0 Punkte, 5.8 Rebounds, 3.3 Assists, 1.8 Steals und eine Dreier-Quote von fast 38% sprechen für sich. Der Most-Improved-Player-Award, die erste All-Star-Teilnahme und die zweite Berufung für ein All-Defensive-Team waren die logische Folge einer überragenden Saison. Während die Karriere von Superstar Derrick Rose langsam den Weg nach unten einschlug, konnte Jimmy langsam, aber sicher aus dem Schatten des MVP von 2011 treten und eine größere Rolle beanspruchen:

 

 

Player Efficiency Rating, Usage Rate, Points Per Game, True Shooting Percentage - 2014/15 war bis dato in fast jeder Hinsicht ein Karriere-Jahr von Butler. Und trotzdem war die Rolle des Franchise Players der Bulls zu dieser Zeit noch fest in Händen von Derrick Rose. Schaut man auf die nackten Zahlen, war Butler jedoch schon damals der heimliche Anführer seines Teams.

 

Die Rolle zu klein?

 

Die meisten Win Shares der Bulls in der Saison 2014/15? Jimmy Butler. Das beste Box-Plus-Minus? Jimmy Butler. Die beste True Shooting Percentage? Jimmy Butler. Die beste Turnover Percentage im gesamten Roster? Jimmy Butler. Die meisten Punkte pro Spiel? Jimmy Butler. Und doch steht im selben Jahr nur die fünfthöchste Usage Rate des Teams zu Buche. Hinter Aaron Brooks und Nikola Mirotic. Der Franchise Player der Bulls? Ein verletzungsgeplagter Derrick Rose. Der zweite Anführer? Pau Gasol im vierten Frühling seiner Karriere. Für Butler blieb trotz spektakulärer Zahlen weiterhin nur ein Platz in der zweiten Reihe. Die kritischen Stimmen und Forderungen, die Franchise sofort in die Hände des Swing Man zu geben, wurden rund um Chicago lauter und lauter. Wozu der Shooting Guard mit mehr Verantwortung und größerer Rolle wirklich in der Lage ist, konnte er letztlich erst in der abgelaufenen Saison 2015/16 wirklich andeuten.

 

Der Weg zum Franchise Player

 

Nach dem Ende von Tom Thibodeau als Head-Coach ging es mit dem unerfahrenen, aber hochgelobten Fred Hoiberg, neuem Matchplan und großen Erwartungen in die abgelaufene Saison 2015/16. Variablere Offense, mehr Tempo, mehr Würfe für Butler. Eigentlich rosige Aussichten. Doch trotz großer gemeinsamer Ziele fand das Gespann Hoiberg / Butler / Rose scheinbar nie eine wirklich gemeinsame Linie. Das enttäuschende Ende ist bekannt: Zum ersten Mal seit Butlers Ankunft in der Liga (und zum zweiten Mal in den letzten zwölf Jahren) verpassten die Bulls die Playoffs. Butler selbst beendete die Saison mit 20.9 Punkten, 5.3 Rebounds, 4.8 Assists pro Spiel und der bis dato höchsten Usage Rate seiner Karriere (24.4 USG%). Gegen die Raptors erzielte er im Januar 40 Punkte in einer Halbzeit. Einen mehr als der bisherige Franchise-Rekordhalter. Ein gewisser Michael Jordan. Nur 11 Tage später legte er mit 53 Punkten gegen die Sixers ein neues Career-High nach. Der höchste Bulls-Wert seit? Michael Jordan.

 

Nur zwei Spieler in der Franchise-Geschichte können überhaupt auf eine Saison mit mindestens 20 Punkten, 5 Rebounds und 4 Assists zurückblicken. Die Legenden Michael Jordan und Scottie Pippen. Ligaweit gab es vergangenes Jahr nur sechs Spieler, die mindestens 20 Punkte, 5 Rebounds, 4 Assists und 1 Steal  produziert haben: Stephen Curry, LeBron James, James Harden, Paul George, Russell Westbrook und Jimmy Butler. Illustre Gesellschaft also für jemanden, der trotz aller Entwicklung nach wie vor nur die zweite bis dritte Option seines Teams war. Eine Idee der tatsächlichen Leistungsfähigkeit Butlers konnte man in den elf Spielen der Saison bekommen, die Derrick Rose aussetzen musste. Angeführt von Butler beendeten die Bulls diese Phase mit einem Record von 9-2. Butlers Zahlen (pro Spiel) in den elf Spielen: 27.7 Punkte, 7.2 Rebounds, 7 Assists, 1.4 Steals bei > 50% aus dem Feld und 38% von draußen. Zahlen, die überhaupt nur 15x in der NBA-Geschichte über eine Saison produziert wurden.

 

Leinen los?

 

Kann man daraus automatisch ableiten, wozu Jimmy Butler mit grünem Licht im Stande wäre? Natürlich nicht. Kritiker führen an der Stelle (zurecht) die zu kleine Sample Size von nur elf Spielen an. Zumal auch Butlers Dreier-Quote über die Saison spürbar unter der vergrößerten Rolle gelitten hat. Eine Quote von 31.2% von draußen sind für einen elitären Flügelspieler mit Butlers Ansprüchen deutlich zu wenig. Dass er den Dreier hochprozentig treffen kann, hatte er im Vorjahr bereits bewiesen (37.8 3P% bei nahezu gleichem Volumen). Seine Fans wiederum sehen in den elf Spielen die Bestätigung, dass man ihm schon viel früher die Schlüssel zur Franchise hätte übergeben sollen. Hätte Butler die Bulls als Nr.1-Option im letzten Jahr in die Playoffs geführt? Die Frage wird man nicht abschließend beantworten können. Nach dem Abgang von Rose, Gasol und Noah werden die nächste Jahre aber zeigen, in welche Sphären der Liga Butler sich einordnet. Kann er auch als erste Option effizient bleiben? 

 

Jimmy Butler ist der beste Spieler im Roster der Bulls. Er ist einer der weltweit besten Spieler auf seiner Position. Er kann ein Spiel an beiden Enden des Courts dominieren. Er ist (mittlerweile) Gesicht und Anführer seines Teams, auf und neben dem Platz. All das macht ihn zum Franchise Player. Der Weg zu einem Anführer eines ernsthaften Championship-Contenders bleibt trotzdem noch steinig und weit. Ob er dort jemals ankommen wird, werden erst die nächsten Jahre zeigen.

 

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