Das Mysterium des Rim Protectors

 

'Rim Protector' ist eines dieser Attribute, das sich fest in der Terminologie der NBA verankert hat.

Dikembe Mutombo, Hakeem Olajuwon, Bill Russell, Wilt Chamberlain und Manute Bol sind namhafte Beispiele, die zu den Größen in diesem Bereich gehörten. Seit dieser glorreichen Ära der Big Men hat die NBA eine signifikante Veränderung durchgemacht. Das Spiel ist immer mehr von Guards und Wings geprägt, die das Spiel auf den Perimeter verlagern und ein 'moderner Big Man' sollte am besten 3-Point Range besitzen. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist der Wunsch nach Rimprotection. Nach einem Anker der Defense, der Drives so gut verteidigt, dass die Gegner sich gar nicht erst trauen, die Paint zu betreten, was dazu führt, dass der Rest des Teams sich mehr auf die Perimeter Defense konzentrieren kann – ein Traum eines jeden Trainers.

 

Auch wenn die prototypischen Big Men wie oben beschrieben eher aussterben, schreibt man das besprochene Attribut heutzutage einer Reihe von Spielern zu. Die Frage, die wir in diesem Artikel zu beantworten versuchen, lautet: Wer ist denn nun wirklich ein Rim Protector?

 

Die Fraktion 'definitely not'

 

Blocks = Rim Protection ist hier das Credo. JaVale McGee hat sich abgesehen von seinen zahlreichen viralen Lowlights, einen Namen als Shotblocker gemacht. Mit seiner Kombination aus Länge und Athletik war er stets für den ein oder anderen spektakulären Block gut.

 

Dass die oben genannte Gleichung aber nicht automatisch aufgeht, zeigt sich am Beispiel McGee. In der Saison 15/16 blockte er pro 36 Minuten 2,5 Shots, aber ließ für einen Center eine katastrophale FG% am Rim von 57,6% zu. Nur zum Vergleich: Gegen seinen defensiv doch inzwischen sehr eingeschränkten Teamkameraden Dirk Nowitzki, schoss die NBA 'nur' 52% am Korb. McGee ist also ein klassisches Beispiel für jemanden, der zwar immer wieder defensive Highlights liefert, aber seine Aufgabe, den Gegner am Korb zu limitieren, nicht konstant ausüben kann.

Das kann zum Teil daran liegen, dass ein Spielertyp mit ähnlichen Stats einen Großteil seiner Blocks als Help-Defender sammelt, oder aber on-ball Probleme hat, seinen Gegner am Korb zu verteidigen.

 

Weitere Kandidaten: Tyson Chandler, Mason Plumlee, Gorgui Dieng

 

Die Fraktion 'not yet'

 

Anthony Davis fällt in eine ähnliche Kategorie. 14/15 führte Davis die Liga mit 2,9 Blocks an und war damit für viele automatisch ein Kandidat für den DPOY Award, bei dem er dann auch tatsächlich 11 first place Votes bekam, aber letztendlich Vierter wurde. Große Anerkennung dafür, dass Davis unter allen Centern, die mindestens 5 FGA am Rim pro Spiel verteidigen mussten, lediglich die 20st beste Quote zuließ - mit sehr durchschnittlichen 48,6%. Zu seiner Verteidigung muss man natürlich erwähnen, dass Davis - abgesehen von der Verteidigung in der Paint - eine sensationelle defensive Saison spielte, eine DFG% von 39,8% aufwies und damit einer der besten der NBA war. Das Attribut des Rim Protectors darf man ihm allerdings nicht zuschreiben.

 

Weitere Kandidaten: Andre Drummond, Karl-Anthony Towns, Myles Turner, Kristaps Porzingis

 

Inzwischen sollten wir also bewiesen haben, dass die Gleichung Blocks = Defense falsch ist.

 

Die Fraktion 'almost there'

 

Wenn man NBA-Fans nach den aktuell besten Rim Protectorn der Liga befragen würde, fallen mit Sicherheit auch die zwei folgenden Namen: DeAndre Jordan und Hassan Whiteside. Keine große Überraschung, da wir hier von den potentesten Blockern der Liga reden. Whiteside führte die Liga in seiner Breakout-Season 15/16 mit sagenhaften 3,7 Blocks pro Spiel an, während Jordan mit etwas moderateren 2,3 den zweiten Platz belegte.

Wenn wir wieder ein wenig tiefer blicken, sehen wir auf dem ersten Blick, dass beide eine ähnliche FG% am Rim zulassen. Mit 46,4% und 46,9% befinden sich beide in einem überdurchschnittlichen, aber nach wie vor nicht elitären Bereich. Unter den Parametern, die wir vorhin bei Davis aufgestellt haben, gab es in der abgelaufenen Saison acht Center, die weniger zugelassen haben. Was auffällt ist, dass Whiteside deutlich mehr Shots contested als Jordan und tatsächlich auch mehr als jeder andere Spieler in der NBA. Interessant hierbei ist aber, dass entgegen der weit verbreiteten Annahme, dass Whitesides Ruf als Shot-Blocker dazu führt, dass Gegner sich gar nicht erst in die Paint trauen, die gegnerische Mannschaft tatsächlich öfter den Korb attackiert, wenn er auf dem Platz ist, als wenn er auf der Bank Platz nimmt. Bei Jordan hingegen sehen wir wirklich diesen vermuteten Effekt. Signifikante 3,4 FGA am Rim mehr verzeichnet die gegnerische Mannschaft, sobald Jordan nicht mehr präsent ist.

 

Ein weiterer klassischer Kritikpunkt an Shot-Blockern ist, dass sie zu viele Würfe anspringen und so Offensivrebounds zulassen, statt das Matchup auszuboxen und sich bei einem Fehlwurf den Rebound zu schnappen. Dass Whiteside mehr Shots contested als jeder andere, kann man ihm als positiven Effort zuschreiben, anderseits kann ihm genauso mangelnde defensive Disziplin vorgeworfen werden. Das Risiko von OREB bei Blockversuchen spiegelt sich auch in Whitesides on/off Stats wieder. Die OREB% des Gegners ohne Whiteside von 20,3% im Vergleich zu 23,7% mit ihm auf dem Court macht deutlich, dass einige von Whitesides Contests dem Gegner OREB und so zwangsläufig auch Punkte einbringt. Vor allen Dingen leichte Punkte. So bieten sich oft Chancen für Putbacks, Tip-Ins oder leichte Würfe am Rim, aber auch der Pass nach draußen mit anschließendem Dreier ist eine große Gefahr. Zach Lowe arbeitete heraus, das genau in dieser Situation die durchschnittliche 3er-Quote in den letzten zwei Jahren bei gefährlichen 39% lag.

 

Mit Jordan auf dem Court haben die Gegner der Clippers mit einer OREB% von 24,4 zwar einen besseren Ausgangswert, allerdings sehen wir im Gegensatz zu Whiteside einen drastischen Abfall ohne Jordan und die OREB% der Gegner katapultiert zu katastrophalen 29,9%.

Im direkten Vergleich wäre ein weiteres Argument für Jordan als Defensivanker, dass er das Offensive Rating des Gegners negativ beeinflusst, während die Gegner der Heat eine potentere Offense haben, wenn Whiteside auf dem Platz ist.

Das finale Urteil ist hierbei also, dass beide, obwohl sie alle Tools besitzen, zum aktuellen Stand keine elitären Rim Protector sind. Wobei man Jordan wohl noch leicht vor Whiteside sehen müsste.

 

Weitere Kandidaten: Nerlens Noel, Bismack Biyombo, Robin Lopez

 

Die Fraktion 'the real deal'

 

Auf Platz 3 der Shot-Blocker zwischen all den bisher genannten Namen, befindet sich Rudy Gobert. Als unbekannter Europäer erarbeitete sich der Franzose mit seinen unglaublich langen Armen schnell einen Ruf als gefürchteter Shot-Blocker und erntete nicht umsonst den an seine Heimat angelehnten Spitznamen 'The Stifle Tower'.

Ist Gobert aber auch wieder nur auf den ersten Blick ein guter Rim-Protector? Nein. Rudy ließ mit 41% die niedrigste FG% am Rim zu. Eine sensationelle Quote. Auch 14/15 führte Gobert in diesem Bereich übrigens die NBA an. Sein Team lässt mit ihm auf dem Court mit einer OREB% von 22,2 weniger OREB zu als z.B. die Teams von Jordan und Whiteside. Und wie es bei einem echten Defensivanker der Fall sein sollte, ist das Defensive Rating seiner Mannschaft mit ihm auf dem Court deutlich besser als ohne ihn.

Trotz dieser Fakten bekam Gobert im DPOY-Voting nicht eine Stimme für den ersten Platz und musste sich hinter Jordan und Whiteside mit Platz 7 begnügen. Natürlich spielen bei diesem Voting auch noch andere Nuancen der Defense mit ein, aber gerade im Vergleich zu Whiteside, der noch viele Defizite in seiner Defense aufweist und dessen Aushängeschild seine Rim-Protection ist, macht dieses Voting keinen Sinn.

 

Dass ein elitärer Rim Protector nicht unglaublich lang sein und mindestens 3 Blocks pro Spiel verzeichnen muss, konnte man in den diesjährigen Playoffs betrachten. In dem Small-Ball Lineup der Warriors, was wie erwartet in den Playoffs immer häufiger zum Einsatz kam, war der als 6 ft 7 gelistete Draymond Green in der Verantwortung, den Korb zu verteidigen. Mit 1,8 Blocks pro Spiel machte er da nicht nur auf den ersten Blick einen guten Job, viel mehr hielt er die besten Mannschaften der NBA mit überragender On-Ball- wie Help-Defense bei 38,9% am Rim. Eine, wenn man seine Größe bedenkt, unglaubliche Quote.

 

Weitere Kandidaten: Andrew Bogut, Serge Ibaka, Roy Hibbert, Ian Mahinmi

 

Fazit

 

Wirklich gute Defense zu bewerten, ist nach wie vor die schwierigste Aufgabe, weil man vieles nicht eins zu eins in Stats darstellen kann. Die NBA ist auf einem guten Weg, indem nicht mehr nur die klassischen Stats wie Punkte, Blocks oder Assists ausschlaggebend für die Einschätzung eines Spielers sind. Das sieht man auch am durchwachsenen DPOY-Voting, in dem zumindest an der Spitze versatile Verteidiger wie Marc Gasol, Joakim Noah oder jüngst Kawhi Leonard belohnt wurden. Jedoch werden Blocks pro Spiel nach wie vor extrem überbewertet. Dies führt dann in letzter Konsequenz dazu, dass ein Hassan Whiteside vor allem individuelle Defense spielt, weil er durch die nackte Anzahl an Blocks eine ungemeine Anerkennung erfährt. Denn es sollte kein Zweifel daran bestehen, dass z.B. Whiteside ein besserer Rim-Protector und insgesamt Verteidiger wäre, wenn er 'nur noch' 2,5 Blocks pro Spiel auflegen würde und dafür disziplinierter Defense spielen würde.

 

Oft lassen wir uns von Highlight-Plays blenden, die die NBA natürlich ausmachen und so attraktiv machen, aber letztendlich ist ein spektakulärer Block, bei dem man den Ball ähnlich wie beim Volleyball ins Aus schlägt, weniger wert, als den Gegner zum Fehlwurf zu zwingen und anschließend den Rebound einzusammeln. Ob man das wie JaVale McGee alles in einer Bewegung macht oder durch grundsolides Ausboxen des Gegners, ist letztendlich egal.

 

 

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