Wie ein Moment alles verändern kann.

September 29, 2016

 

Es droht Langeweile im Titelkampf der NBA. Und das, bevor die Saison überhaupt begonnen hat. Kaum jemand kann sich vorstellen, dass die neuen Warriors mit Durant zu schlagen sind. Viele vergessen dabei, dass schon eine einzige Verletzung alles auf den Kopf stellen kann.

 

NBA-Journalisten sind bekanntermaßen gern ein wenig vorschnell. In fast jeder Saison-Vorschau wird im Moment darüber spekuliert, ob die neue ’Big Four’ der Golden State Warriors den eigenen Rekord für Siege in einer Saison direkt nochmal verbessern kann. Für viele ist der NBA-Titel der kommenden Saison 2016/17 schon jetzt sicher vergeben.

 

Auch im Osten der Liga werden die Machtverhältnisse ähnlich klar gesehen. Der Weg in die NBA-Finals ist für die Cleveland Cavaliers um LeBron James für die meisten Experten reine Formsache. Verständlich, wenn man bedenkt, dass James beim letztjährigen Titelgewinn zum sechsten Mal hintereinander in den Finals stand. 82 Spiele plus vier Playoff-Serien bis zu einem Finals-Matchup, das jeder erwartet hat? Ziemlich langweilig, jedenfalls auf den ersten Blick.

 

Dabei gibt es einen Faktor, der die NBA-Landschaft in einem Wimpernschlag komplett verändern kann: Verletzungen. Dwyane Wade, dreifacher NBA-Champion, weiß aus eigener Erfahrung, wie wichtig Gesundheit für den ultimativen Erfolg ist: "If you want to go far in the playoffs, you need to be healthy."

 

Es gibt kaum ein Team in der NBA, das beim Verlust ihres Superstars noch eine realistische Chance auf den Titel hätte. Würde LeBron James einen Großteil der Saison verpassen, hätten seine Cavs sicher Probleme, die Playoffs überhaupt erst zu erreichen, vom Titel ganz zu schweigen.

 

 

Eine Verletzung als Chance?

 

Teams mit genügend Qualität und vor allem einer tiefen Bank, sind mitunter in der Lage, die Verletzung eines Stars zumindest so zu kompensieren, dass die Saison nicht völlig verloren ist. So verpasste Blake Griffin in der abgelaufenen Saison satte 47 Spiele der Clippers. Dank starkem Roster konnten sie sich trotzdem Homecourt in den Playoffs sichern und auf die Rückkehr ihres Superstars warten, ohne die Saison abschenken zu müssen.

 

Anders sieht das bei Teams aus, die aus der Lottery kommen und besonders abhängig von ihren besten Spielern sind. Jüngstes Beispiel ist die Verletzung von Milwaukees Khris Middleton. Viele Analysten sahen die Bucks einen großen Schritt nach vorne und trauten ihnen sogar den Einzug in die Playoffs zu. Middletons Verletzung ändert diese Prognose auf dramatische Weise. Als Topscorer, bester Dreier-Schütze und ’Glue Guy’ der Bucks reißt er eine Lücke, die man nicht schließen kann. Das wissen auch das Front-Office der Bucks und Point-Guard-Legende und Headcoach Jason Kidd.

 

Statt das Team zur bestmöglichen Bilanz zu coachen, wird der Fokus nun wahrscheinlich darauf liegen, die jungen Talente um Giannis Antetokounmpo und Jabari Parker zu entwickeln. Middleton selbst wiederum wird alle Zeit der Welt zur Genesung bekommen. Oft ist das eine Lose-Win-Situation, weil eine schlechtere Saisonleistung gleichbedeutend mit einer größeren Chance auf eines der Top-Talente im 2017er Draft ist. Sollte der Draft-Jahrgang im nächsten Jahr tatsächlich so gut sein, wie viele annehmen, könnte Middletons Verletzung sich am Ende also sogar als Segen für die Franchise herausstellen.

 

Verletzung mit dem Ziel vor Augen

 

Umso dramatischer sind Verletzungen zur wichtigsten Zeit der Saison: den Playoffs. Nach 82 Spielen akribischer Vorbereitung auf die Postseason müssen Teams mitten in der wichtigsten Phase der Saison wieder bei null beginnen, wenn plötzlich ein wichtiger Teil der Mannschaft verletzt ausfällt. Paradebeispiel dafür war das erste Jahr der Rückkehr von LeBron James nach Cleveland. Das ganze Jahr lang arbeiteten die Cavs vor allem daran, Kyrie Irving und Kevin Love bestmöglich neben James zu integrieren. Beide verletzten sich. In den Finals war LeBron plötzlich auf sich allein gestellt und letztlich chancenlos.

 

Vielleicht hätte ’King James’ den ersten Profi-Titel schon ein Jahr eher nach Cleveland geholt, wenn er nicht seine beiden Co-Stars durch Verletzungen verloren hätte.

 

Playoffs 2015/16

 

Wie groß der Einfluss von Verletzungen auf den Titelkampf der Liga ist, zeigten die letztjährigen Playoffs. Stephen Currys Knöchelverletzung in Runde 1 machte das beste Regular-Season-Team aller Zeiten plötzlich angreifbar.

 

Gegen desolate Rockets reichte es für die Warriors zum Auftakt auch ohne ihren MVP. Die drei Spiele, die Curry in Runde 2 verpasste, hätten aber durchaus fatal enden können. Dort wurde allerorts ein Duell mit den Los Angeles Clippers erwartet, die als klarer Favorit ins Duell mit den Portland Trail Blazers gingen. Nicht wenige Experten trauten den Clippers den Sieg in der Serie gegen Golden State zu. L.A. war bekannt dafür, den Warriors Probleme bereiten zu können. Erst Recht ohne einen fitten Stephen Curry. Bis sich die Superstars Chris Paul und Blake Griffin auf einmal verletzten. Jegliches Momentum war innerhalb weniger Augenblicke dahin. Derart dezimiert, musste man sich Portland am Ende geschlagen geben. Nutznießer waren nun wiederum die Warriors, die talentierte Blazers auch weitgehend ohne Curry aus dem Weg räumten und dem Duell mit Chris Paul & Co. aus dem Weg gehen konnten.

 

Gegen vollzählige Clippers hätte Currys Verletzung das frühe Aus eines der besten Teams aller Zeiten bedeuten können. Hätte der MVP nur wenige Tage mehr verpasst, wäre wohl spätestens gegen die Thunder in den Conference Finals Schluss gewesen. Selbst mit Curry auf dem Court, lag man gegen Durant und Westbrook bereits mit 1-3 hinten. Am Ende drehte der Champion die Serie und zog erneut in die Finals ein, nicht zuletzt dank einiger irrer Minuten von Klay Thompson.

 

Dennoch stand das vermeintlich unschlagbare Team aus Oakland nach Currys Verletzung zwei Mal mit dem Rücken der Wand. Wäre eines der Szenarien Wirklichkeit geworden, würden wir Kevin Durant jetzt wohl nicht im Trikot der Golden State Warriors sehen. Einen solch massiven Einfluss kann die Verletzung eines Star-Spielers nehmen.

 

Zerstörte Titelträume

 

Die Warriors von 2016 stehen damit nicht alleine da. Kaum ein Team war bisher in der Lage, einen Ausfall des besten Spielers kompensieren und trotzdem um den Ring spielen zu können. Mit der Verletzung eines Stars verabschieden sich im Regelfall automatisch auch die Titelaspirationen.

 

2002/03 Dallas Mavericks

 

Der 12. Juni 2011 wird für immer einer der größten Momente der deutschen Basketball-Geschichte bleiben. Der Tag, an dem Dirk Nowitzki endlich die Larry O'Brien Trophy in Richtung Himmel stemmen durfte. Dabei hätte das schon wesentlich früher passieren können.

2002/03 waren die Mavericks zusammen mit den Spurs das beste Team der regulären Saison. Folglich war ein Duell in den Western Conference Finals unausweichlich. Doch dort verletzte sich Nowitzki beim Stand von 1-1 in Spiel 3 und verpasste den Rest der Serie. Die Spurs gewannen die Serie und später auch die Finals.

 

2011/12 Chicago Bulls

 

Mit Derrick Rose, dem jüngsten MVP aller Zeiten, gingen die Bulls 2012 mit hohen Erwartungen in die Playoffs. Doch Rose riss sich das Kreuzband. Der Moment markierte nicht nur der Beginn der Talfahrt für seine persönliche Karriere, sondern sorgte auch für ein spektakuläres Erstrunden-Aus gegen die Philadelphia 76ers, die als krasse Außenseiter in die Serie gegangen waren.

 

2012/13 Oklahoma City Thunder

 

Ein Jahr nach dem Trip in die Finals, holten die Thunder 2012 den besten Record in der Western Conference. Jeder erwartete die sofortige Finals-Revanche gegen die Big Three der Miami Heat. Bis sich Russell Westbrook den Menikus riss. Die Revanche-Träume würden frühzeitig beendet und OKC musste sich den Grizzlies schon in der zweiten Playoff-Runde geschlagen geben.

 

Die neuen Warriors als Ausnahme zur Regel?

 

Zahlreiche Teams mussten in der Vergangenheit ihre Titelträume nach einer Verletzung von einem Moment auf den anderen zu den Akten legen. Trotz zwei bis drei Superstars im Roster.

 

Nun haben die Golden State Warriors nächstes Jahr ganze vier Spieler, die in der vorherigen Saison in eines der drei All-NBA-Teams gewählt wurden. Das gab es noch nie zuvor. Spektakulär für die einen, unfair für die anderen. Tatsächlich kann man davon ausgehen, dass die Warriors selbst ohne einen ihrer vier Superstars noch zum Favoritenkreis gehören würden. Mit Stephen Curry, Kevin Durant und Klay Thompson hat man drei der fünf besten Shooter der NBA auf dem Platz. Den größten Schaden würde durch dessen Vielseitigkeit wohl noch ein Ausfall Draymond Greens anrichten. Chancenlos wäre Golden State aber auch dann natürlich nicht.

 

So können die Warriors 2017 mögliche Ausfälle wohl besser als jedes Teams zuvor verkraften. Eine Sicherheit auf den zweiten Titel in drei Jahren bedeutet das aber noch lange nicht.

 

Silver Lining

 

Egal, wie groß die sportliche Überlegenheit auf dem Papier aussehen mag - es gibt in der NBA keine Garantien für den Sieg. 2011 gewannen das Herz und die Taktik der Mavericks gegen das übermächtige Talent der Miami Heat. 2016 war es dann LeBron James’ unbändiger Wille, der ein eigentlich überlegenes Team schlug. Jedes Team, egal wie gut, benötigt auch ein bisschen Glück, um den unheimlich langen und steinigen Weg einer NBA-Saison am Ende auch mit dem Titel zu beenden. Schon eine einzige Verletzung kann dabei das Aus aller Träume bedeuten.

 

 

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