Minnesota Timberwolves – mehr Schein als Sein?

Die Erwartungen an die Saison 16/17 waren riesig. Mit einem der besten Trainer der NBA sollte das große Potential der Timberwolves sich endlich in Erfolgen widerspiegeln. Wir von IGVS stellten die absolute Minderheit dar, indem wir sie noch nicht in die Playoffs getippt hatten. 14 Spiele später ist man wieder auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Mit einer Bilanz von 4-10 ist das Team aus Minneapolis das aktuell zweitschlechteste Team im Westen.

 

Same old Story?

 

Der rationale Betrachter würde vielleicht analysieren, dass ein 29-Win-Team mit einem fast identischen Kader in die Saison gegangen ist – wo soll der Erfolg also herkommen? Der Misserfolg der letzten Saison wurde vor allem an der Personalie Sam Mitchell festgemacht. Ein „halbwegs kompetenter Coach" hätte die Timberwolves schon letzte Saison in die Nähe von .500-Basketball gebracht und die intrinsische Entwicklung der Spieler sollte der nächste Schritt Richtung Playoffs sein.

 

Die Kritik an Mitchell war völlig berechtigt, aber bezüglich des Trainers lässt sich vielleicht eine Parallele zu den Detroit Pistons ziehen. Nach fünf Saisons in der Lottery sollte Trainer-Legende Stan Van Gundy die Pistons wieder aus dem Sumpf ziehen. „Van Gundy alleine ist zehn Siege wert“, mutmaßten manche. Am Ende der ersten Saison nach dem Trainerwechsel waren es genau drei Siege mehr.

 

Handschrift von Thibs?

 

Dass Thibodeau ein Hands-On-Coach ist, merkt man spätestens, wenn man diese rostige Stimme am Spielrand hört, die jede Aktion seiner Schützlinge schreiend kommentiert. Wunder kann man in so einer kurzen Zeit dennoch nicht erwarten. Die großen Baustellen sind die gleichen geblieben. Defensiv befinden sich die Timberwolves nach wie vor im unteren Drittel und sind lediglich drei Plätze geklettert, was Rang 24 in der NBA bedeutet. Nicht wenige hatten den Wolves durch Thibs vor der Saison eine Top-10 Defense prognostiziert. Außerdem gehören sie - wie 15/16 - weiter zu den schlechtesten Reboundern der Liga.

 

Offensiv gibt es individuell Positives zu berichten, aber als Teamkonstrukt liegen die gleichen Steine wie im Vorjahr im Weg. Langsame Pace und wenig Dreier-Versuche führen meistens dazu, dass die defensiven Schwächen nicht ausgeglichen werden können. Und dabei profitieren die Wolves momentan noch von einer überragenden Wurfeffizienz, die eigentlich nicht aufrechtzuerhalten scheint. Zwischenzeitlich stellten sie die beste Dreier-Quote der Liga, sind inzwischen aber schon auf einem immer noch starken siebten Platz gefallen. Es ist zu befürchten, dass dieser Trend sie bald wieder in Richtung Liga-Durchschnitt führen sollte.

 

Zu grün hinter den Ohren?

 

Talent ist mehr als genug vorhanden, das weiß jeder. Der Grad an Inkonstanz ist jedoch selbst für ein junges Team überraschend. In ihren vier Siegen sahen die Wolves großartig aus. Mit durschnittlich 25,5 Punkten Abstand gewannen sie ihre Spiele und jedes Mal dachte man sich, dass in diesem Moment die Kehrtwende eingeleitet wird. Das zweite, hässliche Gesicht der Timberwolves weckte einen jedes Mal promt wieder aus diesem Traum auf.

Aushängeschild für die mangelnde Konstanz ist das vielzitierte dritte Viertel.

In der ersten Halbzeit mutiert der Wolf zum besten Team der NBA, danach verkriecht er sich als Schoßhündchen wieder an das Ende des Spektrums. Dieser absurde Fakt legt dar, dass die Timberwolves nicht in der Lage sind, ihr Niveau über 48 Minuten zu halten, bzw. schnell wieder in alte Muster fallen. Beides Dinge, die man der mangelnden Erfahrung zuschreiben kann.

 

Die Entwicklung der „großen Drei“

 

Bei allem Misserfolg ist die individuelle Entwicklung von Towns, Wiggins und LaVine bisher der Silberstreif am Horizont gewesen. Blendet man die Bilanz aus, hätte man auf dem ersten Blick mit Towns und Wiggins zwei Kandidaten für das All-Star-Game und mit Zach LaVine einen Anwärter auf den MIP-Award. Ist der Schritt, den die drei gemacht haben, wirklich so groß?

 

Andrew Wiggins

 

Eine absolute Hot-Streak trug Wiggins in die Überschriften. Nach elf Spielen gehörte er mit fast 28 Punkten im Schnitt zu den Topscorern der NBA und traf sensationelle 52,3% seiner Dreier. Nicht zu verteidigen war „Maple-Jordan“ in der Isolation und zeigte vor allem ein überragendes Post-Game. Drei schwache Spiele später trenden seine Durchschnitts-Werte wieder in Richtung Realität. Gegner richteten nun die volle Aufmerksamkeit auf ihn, der Dreier fiel nicht mehr. Als aktuelle Zwischenbilanz steht trotz (career-high) 24 Punkten, auf der anderen Seite mit 43,5 Prozent die schlechteste Feldwurfquote seiner Karriere.

 

Sein Versprechen, sich vor allem im Rebounding und im Playmaking zu verbessern, hielt er bisher ebenfalls nicht ein. Mit 5,5 Rebounds pro 48 Minuten, ist Wiggins aktuell 51ter von 54 Small-Forwards in der NBA. Seine Assist-Werte haben sich auch nicht verbessert und sind weiterhin unterdurchschnittlich. 0,4 Steals (career-low) und 0,6 Blocks sind für jemanden seiner Position keine Katastrophe, jedoch bei seiner unvergleichlichen Athletik deutlich zu wenig.

 

Karl-Anthony Towns

 

Wenn du heute eine Fanchise mit einem Spieler deiner Wahl starten könntest, wer wäre es? „Towns“, hieß die Antwort von fast 50% der General Manager der NBA vor der Saison. KAT hatte Anthony Davis offiziell den Rang als bester junge Center der NBA abgelaufen.

 

Diese Entscheidung würden einige GM’s inzwischen vielleicht gerne wieder zurücknehmen. Während Davis überragt, konnte Towns die viel zu hohen Erwartungen bisher nicht zu 100% erfüllen. Towns macht dabei zufällig gerade eine ähnliche Entwicklung wie Davis durch. Vor allem, weil Coach Thibs sich bisher weigerte, Towns vermehrt als einzigen Big-Man spielen zu lassen, findet er sich häufig auf dem Perimeter wieder und nimmt mehr als doppelt so viele Dreier als in der Vorsaison. Dort zeigt er auch eine immense Verbesserung (von 34% auf 43%), allerdings leidet darunter logischerweise seine Rebounding-Rate, seine Anzahl an Blocks und auch sein True-Shooting wert hat sich verschlechtert, da er nicht mehr so viele hochprozentige Würfe in der Nähe des Korbs bekommt.

 

Zach LaVine

 

Der feste Wechsel auf die Shooting-Guard Position tut LaVine sichtlich gut. So gut, dass viele ihn gerne wieder an Stelle Rubios als Point Guard der Mannschaft sehen würden. Paradox, unlogisch und dumm, aber wahr.

 

Die Per-Game-Stats zeigen eine enorme Verbesserung, die sich aber schnell wieder relativiert, wenn man bedenkt, dass LaVine ganze sieben Minuten länger auf dem Court steht in dieser Saison. Tatsächlich verbessert hat sich sein Wurf in allen Belangen, was sich in einer starken TS% von 57 manifestiert. Dazu begeht er natürlich wesentlich weniger Turnover, da er den Ball seltener in der Hand hat. Genau wie Wiggins, zeigt er aber in anderen Bereichen wenig Verbesserung. Sein Rebounding trägt zum übergeordneten Team-Problem bei und „Team-Defense“ muss man ihm weiter buchstabieren. Paradoxerweise ist er der einzige der Starting-Five, der zumindest sein individuelles Matchup überdurchschnittlich verteidigt.

Den Kern aufbrechen?

 

Aktuelle Berichte erzählen von der Ungeduld Thibodeaus, die scheinbar dazu führen könnte, dass junge Spieler für einen Veteranen getraded werden könnte. Viele schauen da auf die Point-Guard-Position, die bisher ein Desaster war. Ricky Rubio ist aus persönlichen und körperlichen Gründen nicht der Alte und die Kris Dunn ROTY-Kampagne fand ein schnelles Ende. Allerdings wäre das für beide ein absoluter sell-low-Moment und es ist mehr als fraglich, ob man einen guten Gegenwert für einen der beiden bekommen würde.

 

Dementsprechend blickt man nun mit bangen Blicken auf die jungen Stars und fragt sich, ob einer von denen bewegt werden könnte. Towns ist selbstverständlich unantastbar und auch Wiggins ist aus Minnesota nicht wegzudenken. Dieng bekam jüngst seinen hochdotierten Vertrag und wäre genau wie Dunn erst zur Trade-Deadline bewegbar.

 

Wenn ja, wer?

 

Eigentlich würde hier jetzt der Case stehen, warum man keinen der jungen Spieler traden sollte. Diese Saison stellt, wie oben angedeutet, ein ganz normales Entwicklungsjahr dar und der Kern ist jung genug, dass man nicht in Panik verfallen muss. Allerdings gibt es einen Kandidaten, für den es genug Abnehmer geben sollte und der bisher zu keinem Zeitpunkt der Karriere bewiesen hat, dass er seinem Team weiterhelfen kann: Zach LaVine.

 

LaVines Athletik und Talent täuschen immer wieder über die eklatanten Schwächen hinweg. Trotz seiner individuellen Stats hilft LaVine seinem Team im Gesamtkonstrukt nicht. Er ist der Spieler, von dessen Abwesenheit die Timberwolves am meisten profitieren. Ein Net Rating von +10 weisen die 4-10 Wolves in den 210 Minuten ohne LaVine auf dem Platz auf. Vor allem die Assist-Rate macht dabei einen riesen Sprung nach vorne und führt zu einer flüssigeren Offense. Besonders eklatant sind die Stats im direkten Vergleich mit seinen beiden Kollegen der jungen „Big-3“ der Wolves.

Glasklar besagen die Stats, dass die Stars der Wolves besser funktionieren, sobald LaVine nicht mehr mit ihnen auf dem den Platz steht. LaVine im gleichen Atemzug mit Wiggins und Towns zu nennen, war cleveres Marketing. Sportlich betrachtet sollte das nicht passieren. Sollte LaVine in eine 6th Man Rolle reinwachsen können, kann sein Skillset sehr wertvoll sein und allgemein würde das Fehlen seines Dreiers das Team diesbezüglich weiter schwächen. Andererseits könnte ein Trade helfen, einen Spieler zu finden, der besser in das Teamkonstrukt passt.

 

(Jegliche Statistiken beziehen sich auf den aktuellen Stand des 25.11.16)

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